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Im Interview: Zukunftsforscherin Oona Horx-Strathern

Zukunftsforscherin Oona Horx-Strathern: Die Chancen nach dem Shutdown

Oona Horx-Strathern beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Frage, wie die Menschen in Zukunft leben. Nun hat das Zukunftsinstitut ein White Paper mit vier möglichen Szenarien veröffentlicht, wie die Corona-Krise die Welt verändern kann.

Jeder möchte wissen, wie unsere Welt aussehen wird, wenn nach dem Lockdown der Alltag mehr und mehr zurückkehrt. Deshalb sind Oona Horx-Strathern und ihr Mann Matthias Horx ­aktuell gefragter denn je. Ihr Zukunftsinstitut hat vier Szenarien – von eher pessimistisch bis zu optimistisch – entwickelt, wie die Corona-Krise die Welt umformen kann. Szenario 1: Die totale Isolation – alle ­gegen alle. Szenario 2: Systemcrash – permanenter Krisenmodus. Szenario 3: Neo-Tribe – der Rückzug ins Private. Szenario 4: Adaption – die resiliente Gesellschaft. Egal, in welche Richtung sich die Dinge entwickeln, fest steht schon jetzt, dass nichts mehr so sein wird, wie vorher. Wir haben Oona Horx-Strathern nach ihrer Einschätzung des Corona-Effekts auf die Interior-Branche befragt.

Das Zukunftsinstitut hat vier Szenarien entwickelt, wie es nach der Corona-­Krise weiter gehen kann. Alle vier sind mit durchaus gravierenden Veränderungen verknüpft. Müssen wir völlig neu denken und nichts ist mehr so wie vorher?
Oona Horx-Strathern: Absolut, es gibt keinen Trend ohne Gegentrend. Der Trend vier „Die resiliente Gesellschaft“ ist der Gegentrend zur globalisierten Konnektivität. Resilienz baut sich immer nach Krisen auf, und bedeutet Neuorientierung. Wir hatten diesen Trend nur nicht so mächtig erwartet. Hier geht es um eine neue Wir-Kultur, ­„Glokalisierung“ und Post-Individualisierung. Die vier Szenarien, die wir entwickelt haben, ändern sich zurzeit allerdings ständig. Jedes Szenario ist ein Versuch, die Welt nach bestimmten Kriterien neu zu verstehen.

Neues beängstigt die meisten Menschen, doch wenn die Starre erst einmal überwunden ist, kann ja auch etwas Positives dabei herauskommen.
Oona Horx-Strathern: Alle können im Moment zum Erfolg etwas beitragen. Das gibt den Menschen ein gutes Gefühl. Wir können zwar nur unsere Privatsphäre kontrollieren. Normalerweise hat das keinerlei Außen­wirkung, aber aktuell eben schon. Das ­haben wir ganz selten, dass alle durch einen persönlichen Akt etwas beisteuern können. Das ist großartig.

Welche Folgen hat der Rückzug ins ­Private?
Oona Horx-Strathern: Im Moment sind alle zurückhaltend in Bezug auf den Konsum. Aber viele haben in der Vergangenheit ihr Zuhause als Rückzugsort vernachlässigt. Das ist wie bei einer Tante, die man ­eigentlich immer schon anrufen wollte, aber man macht es doch nicht, weil sie immer so kompliziert ist und man schon vorher weiß, dass sie jammern wird. So ist es auch mit unserem Zuhause. Man kommt von der Arbeit, schaut sich um und denkt, dass man eigentlich mal etwas daran ver­ändern müsste. Aber es ist halt anstrengend, mit Mühe verbunden und dann lässt man es. Doch im Moment sehen die Menschen ihre Einrichtung dauernd, weil sie fast nur noch
zu Hause sind. Und das sehe ich als Super­chance für den Living-Bereich.

Wie könnte man diese nutzen?
Oona Horx-Strathern: Die Einrichtungs­branche muss jetzt klug ­überlegen, wie sie etwas daraus machen kann. Es muss gelingen, eine ganz andere Beziehung zur Privatsphäre zu schaffen, denn es geht dabei ja auch um unsere Identität. Aktuell wird alles in Frage gestellt und das finde ich toll. Dabei geht es nicht um Begriffe wie Cocooning oder Hygge, sondern jetzt geht es zur Sache: Wie fühle ich mich sicher? Wie kann ich bequem und gut arbeiten? Man muss alles neu sortieren.

Home Office ist auf einmal keine Ausnahme mehr, sondern wird gesellschaftsfähig.
Oona Horx-Strathern: Ich glaube, dass wir von ganz offenem Wohnen wieder weggehen werden. Die Menschen brauchen mehr Privatsphäre, in der man sich zurückziehen kann. Die viel beschworene Multifunktio­nalität lässt sich nur bedingt realisieren, weil es schwer ist, sich zu konzentrieren.

Noch vor kurzem war Nachhaltigkeit das zentrale Thema. Jetzt hat man das Gefühl, dass das total in den Hintergrund rutscht. Wie bewerten Sie das Thema langfristig?
Oona Horx-Strathern: Wir bewegen uns in einer Neo-Ökologie. In ­dieser ­Perspektive geht es darum, wie wir mit Ressourcen umgehen, neue Materialien einsetzen, im Extremfall nach dem Cradle-to-Cradle-­Prinzip. Nachhaltigkeit wird nicht mehr nur ein Thema für Leute mit Geld, sondern für alle. Es geht darum, Produkte zu kaufen, weil sie einen langfristigen Wert haben.

Die Frage ist, ob wir nach der Krise ­einen Sinn hierfür haben oder ob gesagt wird, dass wir dafür jetzt kein Geld haben.
Oona Horx-Strathern: Man hat schon vor der Krise gesehen: Der Trend geht eher zu autobiografischen Einrichtungsgegenständen, die eine Geschichte haben. Und das wird sich nach der Krise eher fortsetzen. Ich glaube, dass sich die Sichtweise insgesamt verändern muss. Es kann nicht mehr darum gehen, Möbel nach drei Jahren wegzuwerfen, sondern diese mit durch sein Leben zu nehmen. Das ist sowohl ökonomisch als auch ökologisch. Ich hoffe, dass wir diesen Dreh hinbekommen.
Man sieht in der Krise auch, dass die Menschen gucken, wer ihnen wichtig ist. Man konzentriert sich auf die, zu denen man eine wirkliche Beziehung hat. Vielleicht wird es auch bei Möbeln so, dass man mehr Wert auf die Dinge legt, die einen direkt umgeben und mehr Respekt dafür aufbringt.

Könnte es eine Rückbesinnung auf regionale oder deutsche Produkte geben, weil man jetzt merkt, dass die Lieferketten problematisch werden?
Oona Horx-Strathern: Handwerk und lokale Anbieter gewinnen definitiv an Bedeutung. Es ist den Menschen schon wichtiger geworden, woher die Möbel kommen.

Was sollte sich in der Interior-Branche konkret verändern?
Oona Horx-Strathern: Das Thema Be­ratung muss sich ­weiterentwickeln. Und zwar dahin, viel mehr den wirklichen Bedürfnissen der Kunden gerecht zu werden. Es geht auch darum, sich Gedanken um neue Services zu machen. Online-Beratung kann eine Idee sein, mit der man direkt noch in der Krise starten kann.

Der stationäre Handel beäugt die Online-Anbieter kritisch, aber nutzt die ­digitalen Möglichkeiten selbst viel zu wenig für sich.
Oona Horx-Strathern: Das stimmt, jetzt kommt es darauf an, auch unkonventionelle Wege zu gehen. Es gibt ein schönes Beispiel aus der Gas­tro­nomie. Die Kunden können jetzt einen Gutschein kaufen, den man später einlöst, um das Unternehmen aktuell zu unterstützen. Die Möbelbranche ist da ein bisschen träge.
Es gilt sicherlich auch jetzt: Keine Krise ohne Schmerz. Die Branche wird sich umkrempeln müssen. Aber es gibt Hoffnung. Wir vom Zukunftsinstitut betrachten die Situation aus der Re-Gnose, das heißt wir versetzen uns in den Herbst 2020, alles ist aufgeräumt, viele Dinge sind wieder angeschoben. Worüber werden wir uns rückblickend wundern? Auf einmal haben sich aus sozialen Kontakten Dinge entwickelt, die keiner zu träumen wagte. Eine neue Qualität und Verbindlichkeit von Beziehungen ist entstanden. Mein Ratschlag für Unternehmen ist, genau so eine Re-Gnose für ihre Unter-
nehmen durchzuführen. Daraus gewinnt jeder neue Erkenntnisse, die unglaubliche Kreativität freisetzen kann.

 

Das Interview führte Rita Breer

Das Zukunftsinstitut hat ein White Paper mit vier möglichen Szenarien veröffentlicht, wie die Corona-Krise die Welt verändern kann. Über den QR-Code gelangen Sie direkt dorthin.